Auf Vertrauen gebaut

Cicor blickt anlässlich ihres 60-jährigen Jubiläums auf sechs Jahrzehnte Innovation und Transformation zurück. Zwei langjährige Führungskräfte, Erich Künzle und Cosmin Popa, haben einen wesentlichen Teil dieser Entwicklung miterlebt und mitgestaltet. In diesem Gespräch blicken sie auf wichtige Meilensteine zurück, sprechen über das enorme Potenzial der Zusammenarbeit und erläutern, warum die grösste treibende Kraft von Cicor nach wie vor die Menschen sind.

Cosmin Popa, Managing Director, Cicor Standort Arad, Rumänien

Erich Künzle, Managing Director, Cicor Standort Bronschhofen, Schweiz

Sie waren beide bereits bei den Vorgängerunternehmen tätig, bevor diese Teil von Cicor wurden und haben den Wandel des Unternehmens über viele Jahre hinweg miterlebt. Was war Ihr erster Eindruck, als Sie Teil der Gruppe wurden?
Cosmin Popa: Als Cicor 2005 unseren Standort in Arad übernahm, war dies ein weiterer Eigentümerwechsel nach einer Reihe früherer Wechsel. Natürlich haben wir uns gefragt, was die Zukunft bringen würde. Uns war vor allem wichtig, dass die Gruppe unsere Entwicklung weiterhin unterstützt. Zu dieser Zeit war Cicor noch ein relativ kleiner Konzern und wir haben gemeinsam Neuland betreten. Die Zusammenarbeit war offen und pragmatisch, was den Austausch von Wissen und Ideen erleichtert hat.
Erich Künzle: Für mich war es besonders spannend, Teil eines börsennotierten Unternehmens zu werden. Bis Cicor im Jahr 2005 Swisstronics übernahm, drehte sich unsere Welt in Bronschhofen hauptsächlich um die Elektronik­fertigung in der Schweiz. Plötzlich wurden wir Teil einer deutlich grösseren Organisation. Von nun an wurde unsere Entwicklung durch neue Technologien, Mikro­elektronik und später durch die neuen asiatischen Standorte geprägt.
Die Anfangsjahre waren von ständigem Wandel geprägt. Jedes Jahr gab es etwas Neues: eine Übernahme, eine neue Kompetenz, ein neuer Markt. Es war eine aufregende Zeit. Heute fühlen wir uns als Teil einer grossen Familie.

Welcher Moment war für Sie persönlich besonders prägend, wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken?
Erich Künzle: Für mich war es der Moment, als Cicor mir 2011 die Möglichkeit gab, als Geschäftsführer die Verantwortung für den Standort Bronschhofen zu übernehmen. Was ich an Cicor am meisten schätze, ist der Austausch zwischen den Standorten.
Natürlich wird die Zusammenarbeit zwischen den Standorten von unterschiedlichen Kulturen und Perspektiven innerhalb der Gruppe geprägt. Aber wir haben schon immer ein gemeinsames Ziel gehabt: Cicor voranzubringen. Wir verstehen uns als ein Schiff, das alle in dieselbe Richtung trägt – kein Schnellboot, keine Luxusyacht, sondern ein zuverlässiges Schiff, das seine Aufgaben erfüllt.
Cosmin Popa: Für mich war eines der grössten Highlights, mitzuerleben, wie sich unser rumänischer Standort entwickelt hat. Wir haben zunächst als verlängerte Werkbank begonnen. Wir erhielten Materialien, verar­beiteten sie und schickten die fertigen Produkte zurück. Im Laufe der Zeit entwickelten wir uns zu einem voll funktionsfähigen Produktionsunternehmen mit eigenen Technologien, Prozessen und Kundenbeziehungen. Ein wichtiger Moment war für mich, als ich sagte: «Ich möchte eine Vertriebsniederlassung in Rumänien auf­bauen.» Die Antwort lautete schlicht: «Dann machen wir das.» Das zeigt den Geist von Cicor. Die Mitarbeitenden bekommen die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln und Verantwortung zu übernehmen.
Als ich 1997 in das Unternehmen eingetreten bin, befand sich unsere Produktionsstätte doch tatsächlich zwischen zwei Bauernhöfen. Auf der einen Seite gab es Kühe, auf der anderen Schweine. Aber wir waren jung, voller Tatendrang und bereit, etwas aufzubauen. Seitdem haben wir uns kontinuierlich weiterentwickelt – was dann 2009 und 2018 zur Eröffnung neuer Werke führte. Heute arbeiten wir auf einer Fläche von über 13’500 Quadratmetern und setzen jedes Jahr über eine Milliarde Bauteile zusammen.

«Den Menschen werden Möglichkeiten gegeben, Verantwortung zu übernehmen.»

Cosmin Popa

Die 60-jährige Unternehmensgeschichte von Cicor ist eine Chronik des ständigen Wandels. Welche Meilensteine waren dabei besonders wichtig?
Erich Künzle: Der erste war 2005, als sich Cicor von einer Leiterplattenherstellerin zu einer Anbieterin von Elektronikfertigungsdienstleistungen (EMS) weiterentwickelte. Dies war ein grundlegender Wandel, der den Weg für neue Technologien und Märkte ebnete.
Der zweite war 2020, als Cicor eindeutig beschloss, das Wachstum weiter zu beschleunigen. Das Tempo der Expansion ist seitdem bemerkenswert. Besonders faszinierend ist, wie schnell das Unternehmen neue Standorte integriert. Manchmal hatte man schon nach einem Jahr das Gefühl, als sei ein neuer Standort schon immer Teil von Cicor gewesen.
Cosmin Popa: Der Gruppe geht es nicht darum, ein Unternehmen einfach nur zu übernehmen und dann sofort alles durch zentrale Prozesse zu ersetzen. Vielmehr respektiert sie das vorhandene Fachwissen und ermöglicht es den Standorten, ihre Stärken einzubringen. So bleiben Erfahrung und Know-how erhalten – etwas, das in unserer komplexen Branche von unschätzbarem Wert ist.
Aber zurück zu Ihrer Frage: Für mich war die Eröffnung unserer neuen Produktionsstätte in Arad im Jahr 2018 mein grösster persönlicher Meilenstein. Alles, was wir bis dahin in Rumänien erreicht hatten, gipfelte in diesem Moment. Es war wirklich sehr bewegend.
Erich Künzle: Auf jeden Fall. Genau so ging es mir auch, als wir 2016 unser neues Werk in Bronschhofen eröffnet hatten. Ich bin Cicor sehr dankbar dafür, dass sie mit diesen Investitionen ihre Verbundenheit zur Schweiz und Rumänien als Produktionsstandorte bekräftigt hat.

Cicor bedient heute Kunden aus den Bereichen Medizintechnik, Industrie sowie Luft- und Raumfahrt und Verteidigung. Wie hat sich diese Diversifizierung auf das Unternehmen ausgewirkt?
Cosmin Popa: Wenn man zu einer grösseren Unternehmensgruppe heranwachsen möchte, darf man sich nicht nur auf ein Segment konzentrieren. Durch Diversifizierung können wir unterschiedliche Kundenbedürfnisse bedienen. Der Preis ist wichtig, aber er ist nicht alles. Kunden legen auch Wert auf Nähe, Kommunikation, Sprache und zuverlässige Lieferketten.
Erich Künzle: Für die Fertigung in der Schweiz war es entscheidend, Bereiche zu finden, in denen wir echten Mehrwert schaffen konnten. Der Einstieg in regulierte Märkte wie Medizintechnik, Schienenverkehr oder Luft- und Raumfahrt war ein wichtiger Schritt. Diese Branchen erfordern ein hohes Mass an Qualität, Zuverlässigkeit und Compliance, was Chancen überall dort eröffnet, wo Fachkompetenz eine entscheidende Rolle spielt.
Als Auftragshersteller sind wir nur dann erfolgreich, wenn unsere Kunden erfolgreich sind. Deshalb sind Beziehungen und Vertrauen so wichtig. Einige Kunden begleiten uns bereits seit Jahrzehnten. Wenn man über einen so langen Zeitraum zusammenarbeitet, versteht man ihre Produkte, Herausforderungen und Geschäftsmodelle viel besser.

«Wir wachsen nur, wenn unsere Kunden wachsen.»

Erich Künzle

Trotz des Wachstums sind enge Beziehungen und ein starker Teamgeist bei Cicor nach wie vor von entscheidender Bedeutung. Wie hat das Unternehmen diese Kultur bewahrt?
Cosmin Popa: Nach mehr als 20 Jahren verbringt man wahrscheinlich mehr Zeit mit seinen Kollegen als mit der eigenen Familie. Da ist es nur natürlich, dass ein Unternehmen zu einer Art zweiten Familie wird. Wichtig ist, dass es ein Kernteam gibt, das offen und transparent zusammenarbeitet. Wenn neue Kollegen hinzukommen, spüren sie diese Kultur.
Wir versuchen, unnötige unternehmenspolitische Diskussionen zu vermeiden und konzentrieren uns darauf, Lösungen zu finden. Natürlich gab es auch schwierige Momente, wie in jeder Familie. Aber wir haben immer einen Weg nach vorne gefunden.
Erich Künzle: Ein wesentlicher Faktor ist die Eigenverantwortung. Cicor verlagert die Entscheidungsfindung dorthin, wo sie benötigt wird. Es gibt klare Vorgaben seitens der Gruppe, doch innerhalb dieser Rahmenbedingungen haben die Standorte die Freiheit, sich selbst zu organisieren und Entscheidungen zu treffen.
Dadurch entsteht Eigenverantwortung. Das bedeutet, dass sich die Mitarbeitenden für ihr Unternehmen, ihre Kunden und ihre Teams verantwortlich fühlen. Eine stark zentralisierte Organisation würde nicht über eine solche Schnelligkeit und Flexibilität verfügen.

Was wünschen Sie Cicor zum 60-jährigen Jubiläum?
Cosmin Popa: Mein Wunsch ist es, dass Cicor diesen Geist beibehält – dass wir unsere Wurzeln, unsere Kultur und unsere Art der Zusammenarbeit niemals verlieren. Ich wünsche mir, dass wir eines Tages auch das 100-jährige Jubiläum feiern.
Erich Künzle: Da stimme ich voll und ganz zu. Die Strategie von Cicor zielt auf weiteres Wachstum ab, doch die Herausforderung wird darin bestehen, den Geist der Eigenverantwortung an den einzelnen Standorten zu bewahren. Das ist einer der Gründe für unseren Erfolg, insbesondere im Vergleich zu anderen EMS-Unternehmen. Und natürlich habe ich noch ein persönliches Ziel: Sollte Cicor jemals einen Standort auf Hawaii erwerben, würde ich dort gerne die Geschäftsführung übernehmen.
Cosmin Popa: Wenn Hawaii schon vergeben ist, würde ich auch die Bahamas in Betracht ziehen!